Ten Years After / Recorded Live / 1973

Ten Years Afters „Recorded Live“ von 1973 ist ein echtes Juwel in Sachen kompromissloser Rock. Leider, und das ging mir auch so, wird doch dieser grandiose aufgenommene Livemitschnitt fast immer vergessen zu erwähnen, wenn von den besten Live-Scheiben die Rede ist. Ich nahm mir die Mühe, diesen Tonträger aus meinem Regal zu nehmen, um wieder einmal intensiv zu lauschen, was da aus meinen Boxen kommt. Gewaltig!

Früher in meiner Jugendzeit war TYA mein stetiger Begleiter. Ich fand die Zeit der Band ab 1969 bis zur Auflösung 1975 die beste Epoche, denn da wurde mehr auf Rock als auf Blues gesetzt. Die damaligen Alben wie „Ssssh“ (1969), „Crickelwodd Green“ (1970), Watt (1970), „A Space in Time“ (1971, ihr bestes Album), „Rock & Roll Music To The World“, bis dann zum legendären „Recorded Live“ (1973) und das Abschlussalbum „Positive Vibarations“ von 1974 waren alles Topalben. Über die Heldentaten der Band um Mastermind Alvin Lee betreffend Woodstoock und ihrem „I’m Going Home“ muss, glaube ich, nicht speziell eingegangen werden, denn die Musikfreunde kennen den legendären Auftritt mit ihren Folgen für die Gruppe.

Erwähnenswert ist aber schon, dass die Band aktuell immer noch präsent ist und ihr neuer Gitarrist den Namen Joe Gooch trägt. Dieser ist im Jahr 2003 ins TYA-Boot gekommen, da man Alvin Lee nicht mehr für die Band gewinnen konnte. Für mich zumindest geht das nicht! TYA ohne Alvin Lee – undenkbar! Das ist auch so eine frustrierende Konstellation wie Deep Purple ohne Ritchie Blackmore.

Für mich haben TYA sozusagen ab 1974 aufgehört zu existieren. Hoffnungen tauchten dann 1989 wieder auf mit dem gemeinsamen Album „About Time“ mit ausgedehnten Tourneen. Irgendwann war schließlich wieder mal Schluss und Alvin Lee widmete sich erneut seinen Soloprojekten. Mich dünkt, dass Lee seinen eigenen großen TYA-Schatten nie richtig abschütteln konnte. Anders ist nicht zu erklären, dass er nach dem ersten Split seine neue Band Ten Years Later nannte!

Diverse Soloergüsse säumten den weiteren Weg von Alvin Lee, der sich zwischen Folk, Rock und Blues bewegte. Der ganz große Wurf gelang ihm nicht mehr aber ein Titel muss schon noch erwähnt sein. Auf dem Album „Alvin Lee Nineteen Ninety Four“ kommend gibt es ein Stück mit dem Namen „The Bluest Blues“. Dieser Track ist schlichtweg sensationell gut. Alleine diese Nummer rechtfertigt seine Solokarriere schon fast! Nun aber zu besagtem Live Opus von 1973.

Die Maschine TYA war inzwischen so gut eingespielt, dass man sich erlauben konnte, ein „sackstarkes“ Live Album aus drei verschiedenen Abenden/Städten so abzumischen und auf Tonträger zu verewigen, dass die Hörerschaft nichts Störendes dabei empfand. Im Gegenteil, die Vorstellung wirkt wie aus einem Guss und zeichnet sich durch einen transparenten, klaren und phänomenalen Sound aus. Jedes Instrument ist so glasklar zu hören, inklusive Stimme, dass man es fast nicht glauben kann, dass hier nicht mit Overdubs getrickst wurde. Ich zitiere aus dem Album »This album is a truthful recording of TYA with no overdubs or additves«.

Das Set beginnt mit einer selten geilen Vorstellung einer Band, »und jetzt, in der Festhalle in Frankfurt, Ten Years After« – tosender Applaus, ein Gemurmel von Alvin Lee und dann hinein ins geile „One Of These Days“. Treibender Bass, funktional eingesetztes Drumming, unterstützt vom Teppich-legenden Keyboard und der vorwärts treibender Gibson-Gitarre vom Meister Alvin! Puhhhh, Gänsehaut-Feeling pur. Es folgt das schon fast epische „You Give Me Loving“. Ebenfalls ein Knaller mit super Gitarrenparts, die sehr langezogen sind. Jetzt kommt das unvermeidliche „Good Morning Little Schoolgirl“ aus dem 1969er Album „Ssssh“. Wer kennt diesen Song noch nicht… diese einfache einprägsame Melodieführung mit dem gnadenlosen Gitarrensolo im Mitteilteil?

Bei „Hobbit“ kann sich Ric Lee dann so richtig seinem Drumming widmen. Das Solo ist eigentlich ’nur‘ der Übergang zum Knaller „Help Me“. Aufdrehen, die Anlage! Langsamer, zurückhaltender Beginn mit super Bassline, dezentem Keyboard-Klangfeld und Lees eindringlicher Stimme. Ja, und dann wird’s aus dem Nichts heraus wirklich laut, unverschämt laut! Die Pegel meiner Anlage schießen von 0 auf 100 in den roten Bereich. Gitarren, Bass, Drumming, Keyboard vereinen sich zum Infernoknaller mit einem Rhythmus, der dem Blues Rock alle Ehre erweist. Im Mittelteil wird dann wieder die gemächliche Gangart gefahren bis im Finale alle Instrumente dampfen, kochen und ‚gequält‘ werden. So muss man live den Blues Rock zelebrieren!

Mit dem beschaulichen „Classing Thing“, das die Fingerfertigkeit von Alvin Lee unterstreicht, können sich Artisten und Zuschauer wieder erholen. Jetzt zeigt die Band, was sie als Einheit so technisch alles drauf hat. Die ineinander geschachtelten Stücke, „Scat Thing“, „I Can’t Keep From Cryin‘ Sometimes Part1“, „Extension On Chord“, und „I Can’t … Part 2“ zeigen eindringlich, dass dieser famosen Gruppe 1973 nur ganz wenige das Wasser reichen konnten. So technisch brilliant, aufeinander abgestimmt und mit so volumösen Sound überzeugte man schlichtweg Mitbewerber und Fans gleichermaßen. Mit „Silly Thing“ kommt dann die Überleitung zum Bluesstück „Slow Blues In C'“.

Ja, das war dann so quasi die Quelle der Ruhefindung vor dem ganz großen Finale. Was dann kommen musste, ist nicht schwer zu erahnen…

Die Einleitung ist schon geil, Alvin Lee spielt bei der Ansage zu „I’m Going Home“ mit dem durchschwitzten Publikum! Ja, dann wird natürlich das Woodstock-Stück losgebrettert. Wer kennt diesen Song nicht – wohl niemand!? Nachgeschoben wird als Zugabe der Brecher „Choo Choo Mama“. Schluss und fertig. Es ist ein wirklich eindrückliches Live-Zeitdokument, was uns TYA da überlassen haben. Ich habe mir inzwischen das BGO Records Mastering gegönnt, muss aber sagen, schon die normale Ausgabe ist so gut, dass ein Mastering eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre! Das spricht doch Bände oder…?


Spielzeit: 79:38
Medium: CD
Label: Bgo (H’ART) (2009), Chrysalis (1973)
Stil: Rock, Blues

Line-up:

Alvin Lee (guitars, vocals)
Chick Churchill (keyboards)
Leo Lyons (bass)
Ric Lee (drums)

Tracklist:

01:One Of These Days
02:You Give Me Loving
03:Good Morning Little Schoolgirl
04:Hobbit
05:Help Me
06:Classing Thing
07:Scat Thing
08:I Can’t Keep From Cryin’Somtimes (Part1), Extension On One Chord, I Can’t ..(Part2)
09:Silly Thing
10:Slow Blues In ‚C‘
11:I’m Going Home
12:Choo Choo Mama

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